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„Ich dachte, jetzt sterbe ich“

Nie wird Hanna diesen Tag im Mai 2015 vergessen. Es ist der Tag, der ihr Leben für immer verändert: Hannas Tochter Mia kommt per Kaiserschnitt zur Welt. Der Eingriff wird für die junge Frau zum Alptraum, die Narkose wirkt zu spät, die Schmerzen sind unerträglich. „Ich dachte, jetzt sterbe ich“, erinnert sie sich. Hanna will das so nicht stehen lassen und hat nun am Landgericht Karlsruhe Klage eingereicht. (Die Namen der Mutter und der Kinder wurden von der Redaktion geändert.)

An einem verregneten Tag im Herbst 2018 sitzt Hanna Zuhause in Karlsruhe am Esstisch und erzählt ihre Geschichte. Nach Mias Geburt ist die 30-Jährige noch einmal Mutter geworden, die Zwillinge Lilli und Paul sind heute 17 Monate alt und krabbeln munter auf ihrem Schoss herum. Im Wohnzimmer liegt Spielzeug, an der Fensterfront zum Garten steht eine Kinderküche. Hannas Mutter ist auch da, sie ist eine wichtige Stütze. Die dreijährige Mia ist im Kindergarten.

„Etwa drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin im Frühjahr 2015 bekam ich plötzlich Kreislaufprobleme“, blickt die 30-jährige zurück. Sie geht ins Krankenhaus, um sich durchchecken zu lassen und zu sehen, ob mit dem Baby alles in Ordnung ist. Dem Ungeborenen gehe es gut, beruhigt man sie in der Marienklinik. Allerdings sei das Kind laut Ultraschall sehr groß und schwer. „Man riet mir zu einer Einleitung“, sagt Hanna. Die Ärzte hatten Sorge, dass das Kind beim Zeitpunkt der Geburt bereits zu groß sein könnte – was mitunter Komplikationen mit sich bringt. Hanna stimmt schließlich einer Einleitung zu. Die werdende Mutter wünscht sich eine natürliche Geburt.

Drei Tage lang bekommt sie wehenauslösende Medikamente, doch nichts tut sich. Mehr als Wehen und die damit verbundenen Schmerzen verursachen die Mittel nicht. Der Muttermund öffnet sich nicht wie geplant, die Geburt geht nicht voran. „Teilweise kam es zu einem richtigen Wehensturm“, sagt Hanna. Die junge Frau hat zwischen den Wehen keine Pause mehr, um wenigstens einmal kurz durchzuatmen. Nach drei Tagen erfolgloser Einleitung beschließen die Ärzte gemeinsam mit Hanna einen Kaiserschnitt. „Ich konnte nicht mehr“, sagt die junge Mutter. Dabei ist sie Kampfsportlerin, hält Schmerzen eigentlich gut aus. Am nächsten Morgen soll die Operation stattfinden.

An dieser Stelle der Geschichte verdunkelt sich Hannas Gesicht, auch nach über drei Jahren fällt es ihr schwer, über das Erlebte zu sprechen. Die für die OP notwendige lokale Betäubung wirkt nicht richtig – so erzählt es Hanna. Obwohl sie angibt, den Schmerz noch zu spüren, beginnt der Arzt mit dem Kaiserschnitt. „Mein Schmerzempfinden war noch nicht ausgeschaltet“, sagt Hanna. Sie spürt das kalte OP-Messer, den schmerzhaften Schnitt, schließlich das bei einem „sanften Kaiserschnitt“ übliche Dehnen. „Ich fühlte mich, als würde ich bei lebendigem Leib zerrissen“, sagt Hanna mit Tränen in den Augen. Sie weint, mehrmals ruft sie „Aua!“. Keiner scheint ihren Schmerz zu bemerken.

Die ViDia Christliche Kliniken Karlsruhe, zu denen die Marienklinik zählt, schreiben dazu in einer Stellungnahme: „Es ist bekannt, dass bei einer Spinalanästhesie Druck und Bewegungen bemerkbar sind und oft als unangenehm empfunden werden können. Dies kann den Eindruck erwecken, dass die Narkose nicht gewirkt habe, obwohl die Wirkung unbestreitbar vorhanden war.“ Während des Kaiserschnitts habe es für den anwesenden Anästhesisten keine Anzeichen oder Veranlassung gegeben, weitere Medikamente zu geben.

Irgendwann, nach für Hanna endlosen Minuten, ist die kleine Mia da. „Das war meine Rettung“, sagt Hanna. Da ist ihr Kind, das sie braucht, und für das sie da sein will. Leicht ist es nicht. Wie im Nebel erlebt die junge Mutter die erste Zeit. Ihre Familie ist eine große Stütze. Als Mia drei Monate alt ist, beginnt Hanna mit der Aufarbeitung. Sie schreibt ein Gedächtnisprotokoll und einen Beschwerdebrief an die Klinik. Über den medizinischen Dienst der Krankenkasse lässt sie ein Gutachten erstellen. Laut diesem wurde mit dem Kaiserschnitt zu früh begonnen – so, wie es Hanna schildert. „Es wurde nicht richtig ausgetestet, ob die Narkose wirkt“, sagt sie. Die Klinik hingegen sagt, es habe eine „fetale kardiale Notfallsituation“ vorgelegen: „Das Ungeborene befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer lebensbedrohlichen Situation, die einen notfallmäßigen Kaiserschnitt unumgänglich machte.“ Zwischen der Injektion des Lokalanästhetikums und dem Beginn der OP hätten 13 Minuten gelegen. Dieser Zeitraum sei angemessen und vertretbar. „Jedes weitere Zuwarten hätte das lebensbedrohliche Risiko für das Ungeborene vergrößert.“ Hanna schüttelt den Kopf: „Ich wusste von nichts“, sagt sie. Man habe sich ja am Morgen gezielt zu dem Kaiserschnitt getroffen. „Bevor es losging, war die Stimmung im OP zunächst sehr entspannt“, sagt sie. Nichts habe auf eine Notlage des Kindes hingedeutet.

„Es geht mir nicht um Schmerzensgeld“, sagt die dreifache Mutter. „Ich will einen Präzedenzfall schaffen.“ Bei einem Kaiserschnitt sollten die Ärzte nicht nur das Kind, sondern auch die Mutter im Blick haben. „Mich hat schockiert, dass mit der OP einfach begonnen wurde, obwohl ich noch gar nicht bereit war“, sagt Hanna. Niemand solle so etwas erleben müssen.

Die junge Mutter hat eine Anwaltskanzlei in Nordrhein-Westfalen gefunden, die auf Medizinrecht spezialisiert ist. „Am 1. Oktober haben wir die Klage am Landgericht Karlsruhe eingereicht“, erklärt Lisa Kirschner, die bei der Fachanwältin Sabrina Diehl für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Bis es eine Reaktion des Gerichts gebe, können laut Kirschner noch einige Wochen vergehen. Das Gericht entscheide dann, ob noch einmal ein Gutachten erstellt werde. Auch die Gegenseite bekomme die Möglichkeit, sich zu äußern. Ob die Klage eine Aussicht auf Erfolg hat, kann niemand sagen.

In der zweiten Schwangerschaft beginnt Hanna eine Therapie, eine posttraumatische Störung wird diagnostiziert. Noch heute quälen sie Albträume. Ihre Zwillinge entbindet sie in einer Stuttgarter Klinik, dort fühlt sie sich gut aufgehoben.

Hanna kennt auch die kritischen Stimmen. Die, die sagen: „Stell Dich nicht so an, sei froh, dass Ihr beide gesund seid.“ „Ich bin nicht gesund“, sagt Hanna dann. „Unversehrt bin ich aus dieser Sache nicht herausgegangen.“

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