„Ich wurde Opfer eines Klinik-Skandals“

Wie finde ich den richtigen Arzt für eine OP?

Jeder Patient hat das Recht, einen zweiten oder sogar dritten Experten zu befragen. Vor allem bei Operationen mit hohem Risiko sollte man mindestens einen weiteren Arzt konsultieren. Mein ganz persönlicher Tipp: Wenn ich einen Hausarzt habe, dem ich vertraue, dann würde ich ihn fragen, zu welchem Arzt er seine eigene Mutter schickt.

Was tun, wenn ich falsch operiert wurde?

Die gesetzlichen Kassen unterstützen mit ihrem Know-how Patienten, die sich falsch behandelt fühlen. Jeder kann ein kostenloses Gutachten von der Krankenkasse anfordern, wenn er Zweifel an der Behandlung hat. Langfristig lassen sich durch Beschwerden von Patienten leichter schwarze Schafe ermitteln. Generell empfiehlt sich eine Rechtsschutzversicherung. So kann man kostenlos einen Fachanwalt für Medizinrecht zu Rate ziehen.

„Ich habe den Ärzten blind vertraut. Das war ein großer Fehler“

Stefanie wünscht sich oft, sie könne die Zeit zurück drehen. Dann würde sie alles anders machen. Vor allem aber würde sie mehr auf ihr Bauchgefühl hören … „Letztes Jahr im Sommer hatte ich höllische Rückenschmerzen“, erzählt die 31-jährige Bürokauffrau aus Salzwedel. „An manchen Tagen war es so schlimm, dass ich mich nicht mehr um meine zwei kleinen Kinder kümmern konnte.“ Stefanie ist zu diesem Zeitpunkt mit ihrer Familie gerade neu zugezogen und hat keinen Hausarzt. So macht sie sich eines Tages direkt auf den Weg in die Klinik.

Dort gibt es ein kurzes Vorgespräch, ein MRT wird gemacht und danach steht fest: Bandscheibenvorfall. „Sie haben eine Spinalkanalverengung“, sagt der Arzt. „Wir sollten schnellstmöglich operieren. Am besten, Sie bleiben direkt da.“ Stefanie ist völlig überrumpelt. „Ich hatte schon ein komisches Bauchgefühl dabei“, sagt sie. „Aber auf der anderen Seite vertraut man ja den Ärzten, und denkt, dass die das Richtige für einen wollen. Und natürlich wollte ich selbst, dass die Schmerzen endlich aufhören.“

Gleich am nächsten Tag kommt die 31-Jährige unters Messer. Nach dem Eingriff scheint zunächst alles in Ordnung, aber kaum lässt die Wirkung der Schmerztabletten nach, spürt Stefanie wieder das altbekannte Stechen im Rücken. Und nicht nur das: Ihr rechter Fuß ist plötzlich taub. „Die Ärzte taten das als vorübergehende Erscheinung ab und nach zehn Tagen wurde ich trotz Beschwerden entlassen. Der Arzt meinte, im Zuge der anschließenden Reha würde sich schon alles wieder normalisieren.“

Doch das taube Gefühl in den Zehen bleibt. „Ich kann bis heute den linken Fuß nicht richtig abdrücken“, erzählt die junge Frau. Sie humpelt beim Gehen – und das wiederum hat zur Folge, dass Knie und Hüfte schmerzen. Es ist kurz vor Weihnachten, als Stefanie in der Zeitung einen großen Artikel liest. „Dort stand, dass in der Klinik, in der ich war, reihenweise Menschen ohne ausreichenden Grund operiert wurden. Die meisten wie ich an der Wirbelsäule.“

Stefanie fackelt nicht lange. Sie fordert von der Klinik ihre Unterlagen an. Bei ihrem neuen Hausarzt erfährt sie: Einen Bandscheibenvorfall hat es nie gegeben. Sie war, so wie andere Patienten auch, aus rein betriebswirtschaftlichen Erwägungen operiert worden.

Ein dramatischer Einzelfall? Eher nicht. Der kürzlich veröffentlichte Krankenhausreport der AOK brauchte ans Licht, dass sich die Zahl der Eingriffe an der Wirbelsäule in letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt hat! Rund 300.000 Mal greifen Ärzte hierzulande im Kampf gegen Rückenleiden zum Skalpell – jedes Jahr! „80 Prozent davon sind unnötig“, warnt der Münchner Orthopäde und Buchautor Dr. Martin Marianowicz („Aufs Kreuz gelegt“, Goldmann). „Jeder dritte dieser Eingriffe bringt nicht den gewünschten Erfolg. Viele Operierte haben auch hinterher noch Schmerzen, obwohl die Chirurgen technisch gut gearbeitet haben.“ Ein Grund dafür: Bei vielen Eingriffen bildet sich Narbengewebe, das hinterher erneut auf die empfindlichen Nerven neben der Wirbelsäule drücken kann. „Die meisten aller Bandscheibenvorfälle heilen innerhalb von sechs bis zwölf Wochen von selbst aus“, so Marianowicz. „Konservative Therapien wie Krankengymnastik, Schmerzmittel und Injektionen können diese Zeit deutlich verkürzen.“

Trotzdem raten viele Ärzte vorschnell zum operativen Eingriff. Den Grund dafür sehen Experten vor allem in falschen wirtschaftlichen Anreizen im deutschen Gesundheitssystem: So bekommt eine Klinik für eine Physiotherapie 30 bis 50 Euro im Monat, eine Operation bringt dagegen mehrere tausend Euro.

„Auch bei uns in der Anwaltskanzlei können wir den Trend bestätigen, dass zu viel und unnötig operiert und behandelt wird“, sagt die Fachanwältin für Medizinrecht Sabrina Diehl. „Die Ärzte weisen oft nicht genügend auf die möglichen Risiken hin“, beklagt sie.

Durch das neue Patientengesetz, nach dem Patienten verständlich durch den behandelnden Arzt informiert werden müssen, ist das Thema mehr in die Öffentlichkeit gerückt. Und dennoch herrscht bei Betroffenen oft Resignation, sogar Schuldgefühle. In einem Rechtsstreit gegen Ärzte und Krankenhäuser habe man eh keine Chance, so die landläufige Meinung. „Falsch“, entgegnet Diehl, „es gibt sehr wohl eine Chance. Um sie zu nutzen, braucht man nur einen langen Atem. Die Verfahren dauern im Schnitt rund ein Jahr.“

Stefanie, die eine Rechtschutzversicherung hat, nahm sich einen Anwalt. Das Verfahren läuft bis heute, aber die 31-Jährige hat aufgrund der eindeutigen Beweislage sehr gute Chancen, ein Schmerzensgeld von etwa 30.000 Euro zu bekommen. Gegen den Neurochirurgen, der sie und viele andere zu Unrecht operiert hat, wird ermittelt. Der Verdacht: Körperverletzung und Abrechnungsbetrug. „Er ist mittlerweile nicht mehr an der Klinik.“ Seit zwei Wochen ist die Bürokauffrau bei einer Osteopathin in Behandlung, die Rückenschmerzen sind deutlich besser geworden. „Ich wünsche mir, dass der Verursacher seine gerechte Strafe bekommt.“

Wo wird zu viel operiert?

Wirbelsäule: Mitursache für den hohen Anstieg: falsch interpretierte Röntgen- und Kernspinaufnahmen. Denn gerade für Wirbelsäulenprobleme gilt: Schäden, die das Untersuchungsbild aufdeckt, müssen nicht Ursache der Beschwerden sein. Der Chirurg setzt das Skalpell womöglich an der falschen Stelle an.

Künstliche Gelenke: nur weil ein Mensch an Arthrose leidet, benötigt er nicht gleich eine Gelenkprothese. Viele Eingriffe am Kniegelenk schaden eher, statt Schmerzen zu lindern. Experten zufolge wird bei unzähligen Kniespiegelungen nutzlos der Knorpel geglättet, nicht selten dabei wichtige Strukturen verletzt.

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