Täglich 500 Pannen in Krankenhäusern
19000 Tote im Jahr
AOK schlägt Alarm

Berlin/Köln/Düsseldorf –
Neue Hüfte, Herzkatheter, Augen-OP, Geburten: Wir unterziehen uns jedes Jahr 18,6Millionen Operationen im Krankenhaus - und bei jeder 100. Behandlung (= 190 000 Fälle pro Jahr) geht nachweislich etwas schief, zeigt der neue AOK-Krankenhaus-Report 2014.

Entzündete Wunden, verkehrte Medikamente – 500 Pannen pro Tag, 19 000 Patienten sterben durch Fehler im Krankenhaus, „fünfmal mehr als durch Verkehrsunfälle“, schlagen
die Autoren der Studie Alarm. Eingeliefert – ausgeliefert? Nicht ganz. Denn der Report zeigt auch: Je häufiger eine Klinik einen Eingriff durchführt, desto sicherer und besser die Erfolge. Bemängelt wird vor allem alltägliche Schlamperei: mangelnde Koordination der Abläufe, Hygienedefizite – EXPRESS sprach Menschen, denen genau dort, wo ihnen eigentlich  geholfen werden sollte, der blanke Horror widerfuhr.

Bein kürzer nach Beinverlängerung
Ein klitzekleiner Unterschied war immer da: Peter Schröder (58) kam mit einemleicht  verkürzten rechten Bein zur Welt. Das glich ein erhöhter Schuhabsatz aus. „Ich konnte als
Kind Fußball spielen, habe später Rasen gemäht, gekegelt, alles.“ Jetzt schafft der Eon-Mitarbeiter aus Gelsenkirchen nur noch wenige Schritte am Rollator. Das Bein, das durch eine Hüft-Operation verlängert werden sollte, ist zwölf Zentimeter kürzer. August 2010 – OP geschafft, Patient krank. „Ich hatte mir Bakterien eingehandelt, ich wurde vollgepumpt mit
Medikamenten, immer wieder operiert, teils zweimal wöchentlich.“ Insgesamt hat er 22 Eingriffe durchlitten.

Augentropfen - Baby blind
Unter den Folgen dieses Fehlers wird der Sohn von Mirjam und Markus Ordowski sein ganzes Leben leiden. Am 7. Februar 2012 verabreicht ein Arzt in der Wuppertaler
St. Anna-Klinik dem wenige Wochen alten Linus Ordowski 1000-fach überdosierte Augentropfen. Der Mediziner nennt bei der Bestellung der Tropfen in der Apotheke aus
Versehen Gramm-Angaben statt Milligramm. Die Apothekerin übersieht die fehlerhaften
Angaben und stellt die giftigen Tropfen her, die Linus und zweiweiteren Säuglingen verabreicht werden. Linus ist seitdem auf dem rechten Auge blind. Die anderen Kinder erleiden dauerhafte Augenschäden. Obendrein versucht der Arzt, seinen Fehler zu  vertuschen, und schiebt die Schuld auf eine andere Ärztin.

Topfit bis zur verpatzten Hüft-OP
Friedrich Braun (80) aus Köln-Weiden war ein topfitter Rentner – bis zu seiner verpatzten Hüft-OP. 30 Jahre Wanderverein, 60 Jahre im Traditionskorps Altstädter, aktiv im Rosenmontagszug: „Die Hüfte ließ ich mir operieren, um weiter mobil zu bleiben!“ Jetzt sitzt er im Rollstuhl. Denn der 2010 eingesetzte Gelenkersatz saß locker, musste raus. Monate lag der Ex-Betriebsglaser ans Bett gefesselt. Noch drei OPs, Rettung in der Uni Bonn.  Kopfschütteln der Ärzte dort: Der Knochen war abgespalten, die Prothese zu kurz.

Kein Bett frei - da verlor ich ein Auge
Netzhautablösung – ein medizinischer Notfall. „Ich kam vom Flug in die Ferien mit meinem Enkel zurück und sah Blitze“, erzählt Irma Kolmann (70), ehemalige Versicherungsangestellte
aus Düsseldorf. Die Ärztin schickte sie sofort in die Klinik. „Aber da war kein Bett frei“, erinnert sich die Rheinländerin, „und es hieß, man könne den Eingriff ruhig ein paar Tage verschieben.“ Aus „paar Tagen“ wurden zwei Wochen – und sie verlor ihr rechtes Auge trotz mehrstündiger OP, bekam ein Glasauge. Sie schaltete die Ärztekammer ein. Zwei Gutachten bestätigten die Fehleinschätzung der Mediziner. Nach zwei Jahren beendete sie das Verfahren: „Ich glaube, darauf wird spekuliert – den Patienten die Kraft zu nehmen, sich zu wehren.“

Magensack festgenäht
Roswitha Rabe (52), gelernte Kfz-Mechanikerin aus Recklinghausen, hatte Magenprobleme. Ursache: eine Art Sack neben dem Magen („Funduskaskade“), in dem sich Speisen unverdaut
sammelten. Operation – danach erst recht Übelkeit, Atemnot, Schmerzen. Auslöser: Statt entfernt zu werden, war der Magensack noch drin, statt am Zwerchfell an der Bauchwand festgenäht. Und es wurde ein Magen-Nerv beschädigt. Es folgten zwei OPs. Im November
2013 sollte der ganze Magen raus. Doch dafür war er zu verwachsen. Roswitha Rabe überlebte, kann aber nur noch stehend essen: „Im Sitzen klemme ich mir den Magen ab.“

So finden Sie das beste Krankenhaus

Der Patient selber kann im Vorfeld etwas tun, um sich vor Pannen zu schützen, ermutigt Regina Behrendt (46), Gesundheitsexpertin der Verbraucherzentrale NRW.

Klicken sie auf der Krankenhaus-Website den Punkt „Qualitätsberichte“ an. Suchbegriffe sollten einfach und kurz sein (z.B. besser „Knie“ statt „Kniegelenkprothese“).

Die Fallzahlen zeigen: Wird etwas häufig gemacht in dieser Klinik oder nicht? Patientenkommentare sind wie „Live-Berichte“ aus dem Bekanntenkreis wertvoll. Die „Weiße Liste“ der Bertelsmannstiftung (www.weisse-liste.de) und AOK-Krankenhaus-
Navigator (über www.aok.de) bereiten gesetzlich geforderte Qualitätsdaten  benutzerfreundlich auf – Postleitzahl, gewünschten Eingriff eingeben, dann erscheinen bestplatzierte Kliniken in Wohnortnähe. Steht ein großer Eingriff an, sollten Sie zuvor immer eine zweite Meinung einholen. Der eigene Haus-/Facharzt sollte zweimögliche Kliniken
nennen.

So wehren Sie sich in der Klinik

Wenn Sie das Gefühl haben, dass in der Klinik etwas eklatant schiefläuft, sollten Sie sich wehren!
Sichern Sie Zeugen, notieren Sie z.B. Name, Adresse des Bettnachbarn, der mit angehört hat, was Arzt/Schwester wann gesagt, getan haben.
Machen Sie Fotos z.B. der OP-Wunde.
Führen Sie Protokoll, was wann unternommen, gesagt wurde.
Sprechen Sie ihren Verdacht aus, möglichst vor Zeugen. Ärzte sind seit 2013 verpflichtet, auf konkrete Nachfrage von Patienten Behandlungsfehler zuzugeben.
Auch unverschämte und schlechte Kommunikation muss man sich nicht gefallen lassen: Kliniken in NRW sind verpflichtet, einen Patientenfürsprecher zu haben.

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