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Wer krank ist, hofft auf eine gute Behandlung. Doch leider können dabei Fehler passieren, bei denen die Gesundheit eines Menschen auf dem Spiel steht – oder sogar sein Leben. Laut dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) starben im vergangenen Jahr 107 Patienten durch ärztliche „Kunstfehler“ – „Ärztepfusch“! „Die Tätigkeit eines Arztes ist keine Kunst, sondern ein Handwerk“, sagt auch Patientenanwältin Sabrina Diehl. Sie rät allen Betroffenen, sich zu wehren (s. r.). Denn leider erkennt man oft zu spät, dass etwas schiefgelaufen ist.

Schrecklich: Das falsche Organ entfernt
So erging es auch Kerim Ucar aus Bremen. Im Oktober 2017 sollte dem damals 18-jährigen wegen einer Vorerkrankung die Milz entfernt werden. Dann der Schock: Der Pathologe, der das entnommene Organ untersuchte, stellte Furchtbares fest! Es handelte sich dabei nicht um die kranke Milz, sondern um Kerims gesunde Niere. Die Familie erstattete Anzeige gegen den operierenden Arzt. Parallel zu den strafrechtlichen Ermittlungen wegen des Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung will die Familie jetzt mit einer Zivilklage ein Schmerzensgeld in Höhe von 200.000 Euro erstreiten. Ein langer Weg … Selbst wenn Kerim diese Summe zugesprochen wird – sein Leben wird nie mehr sein wie früher. Der junge Mann war leidenschaftlicher Sportler, lebt heute zurückgezogen und kann nicht mehr Fußball spielen. Keiner kann ihm die Angst vor der Zukunft nehmen oder die Frage beantworten: Was, wenn irgendwann seine einzige, bisher noch intakte Niere versagt?

Fatale Folgen: Durch Spritzen qualvoll gestorben
Um eine noch höhere Summe Schmerzensgeld geht es im folgenden dramatischen Fall: Zur Linderung starker Bandscheibenschmerzen spritzte ein Hausarzt seinem Patienten einen Medikamentencocktail. Nach der vierten Spritze bekam der damals 50-Jährige Atembeschwerden. Die Diagnose: schwerer septischer Schock. Mehrere Organe versagten, der Mann blieb gelähmt, musste künstlich beatmet werden. Er entschloss sich zum ärztlich begleiteten Freitod. Die Witwe verklagte den Hausarzt, die Familie bekam 500.000 Euro Schmerzensgeld (OLG Celle, Az. 1 U 71/17). „Egal wie hoch der Geldbetrag ist – kein Geld der Welt kann Ihnen Ihre Gesundheit und damit Ihre Lebensqualität zurückgeben. Das Schmerzensgeld kann jedoch helfen, Ihre neue Lebenssituation zu erleichtern“, so Sabrina Diehl. Da jeder Mensch einzigartig ist, ist auch die Höhe des Schmerzensgeldes bei jedem Fall anders. „Deshalb ist es Aufgabe eines Anwalts, mit Betroffenen zu erarbeiten, welche Probleme zukünftig auftreten werden.“

Man kann das Risiko senken, Opfer zu werden
Die Gefahr, Opfer von Ärztepfusch zu werden, lässt sich aber verringern. Sabrina Diehl: „Besteht kein Notfall, sollten Sie bei jeder OP nach dem genauen Grund fragen, nach Risken und Alternativen. Hat der Arzt keine Geduld oder verlangt von Ihnen sofort eine Unterschrift, sollten Sie sich einen anderen Arzt suchen.“

So wehren Sie sich bei Behandlungsfehlern: Etwa 600.000 Patienten werden jährlich Opfer von Behandlungsfehlern. Wie Betroffene dann vorgehen sollten, erklärt Patientenanwältin Sabrina Diehl.

Was tun bei Verdacht auf einen Behandlungsfehler?
Erstellen Sie ein Gedächtnisprotokoll, in dem Sie Ihre Beschwerden, Arztgespräche und Namen der Bettnachbarn dokumentieren. Wie hat das Pflegepersonal auf Ihre Schmerzen reagiert? Sind Ihnen Unregelmäßigkeiten aufgefallen, mussten Sie z. B. plötzlich andere Medikamente einnehmen?

Darf ich meine Behandlungsdokumente einsehen?
Auf jeden Fall – und das ist der zweite Schritt. Verlangen Sie eine Abschrift der Akte – die Kosten muss allerdings der Patient übernehmen. Bitten Sie schriftlich darum und setzen Sie dem Arzt eine Frist. Als nächstes ist es sinnvoll, sich Hilfe zu holen, zum Beispiel bei einem Fachanwalt für Medizinrecht.

Welche Anlaufstellen gibt es außer Anwälten?
Auch Krankenkassen unterstützen Sie. Über den Medizinischen Dienst der Krankenkasse (MDK) werden kostenfreie Gutachten zur Frage, ob ein ärztlicher Behandlungsfehler vorliegt, erstellt. Fällt es positiv aus, können Sie es Ihrem Anwalt zur Verfügung stellen. Eine weitere Anlaufstelle ist die Unabhängige Patientenberatung (patientenberatung.de), die Sie kostenfrei berät.

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