Sie vergaßen mich auf der Intensivstation

58-Jähriger: 60.000 € für Schmerzen

Duisburg – Hastige Pfleger, überlastete Ärzte: Der 58-jährige Sigismund Scholz und Ehefrau Ute (50) klagen auf 60 000 € Schmerzensgeld. Der Gleisbaumaschinist landete mit schwerer Lungeninfektion auf der Intensivstation einer Duisburger Klinik, doch es sind immer alle Betten belegt, keiner hat ein Ohr oder gar Hände frei, sich um den Spezialfall zu kümmern.

Schon bei Kleinigkeiten wie der Rasur des Komapatienten fängt die Ignoranz an. Ute Scholz: „Ich habe gesagt, dass mein Mann wegen Gerinnungsstörungen keine Nassrasur verträgt. Ich brachte selber ein Elektrogerät mit. Man rasierte ihn trotzdem weiter nass, wahrscheinlich war es einfach zu umständlich, es anders zu machen.“ Folge: Die blutigen Wunden entzünden sich, der ins künstliche Koma versetzte Familienvater aus Oberhausen hängt mit zerschnittenem Gesicht und dickem Kopfverband an den lebensrettenden Schläuchen.

Gleichzeitig bilden sich an Po und Rücken immer tiefere, blutige Druckgeschwüre. Sie hätten vermieden werden können, hätte man den Reglosen regelmäßig bewegt, kontrolliert, gewendet.

„Aber man hat ihn auf eine Dekubitusmatratze gelegt und mit Handfesseln am Bett fixiert, weil er in lichteren Momenten um sich schlug“, sagt Ehefrau Ute. „Es war keine Zeit, ihn umzulagern oder Bewegungsübungen zumachen!“ Sigismund Scholz hat Stuhlgang, aber keiner schaut unter die Bettdecke. Folge: Wundliegegeschwüre vierten Grades am Steiß, bleibende Nervenschäden.

„Er konnte sich doch nicht melden“, verzweifelt Ehefrau Ute noch nachträglich an der Ohnmacht. Gerade an Wochenenden wechseln ständig die Gesichter. Der Satz „Ihrem Vater geht es wieder gut“ schlägt dem Fass den Boden aus: „Da lag doch mein Mann!“

Als der auf der Normalstation zu Kräften kommt, kriegt er selber den genervten Ton ab: „Wenn ich klingelte, hat man mich angeschrien: Warum klingeln Sie? Sie sind nicht der Einzige!“

Die durchnässten Wundverbände interessierten nicht. „Ich habe selber Klopapier draufgedrückt, damit ich das Bettzeug nicht versaue. Krankengymnastik erschöpfte sich darin, mir ab und zu einen Ball zuzuwerfen.“

Das Ehepaar entschloss sich mit Patientenanwältin Sabrina Diehl (32) zur Klage. „Die Lage ist überall ähnlich“, sind sie überzeugt. „Wenn Kliniken die Betten so füllen, ist das für das Personal nicht zu schaffen. Da kann es sich krummlegen, wie es will.“

Von der Intensivstation wurde Sigismund Scholz übrigens nach 40 Tagen (!) wegverlegt.

Begründung: Personalmangel

Volle Klinik – mehr Todesfälle

Personal überlastet - Kölner Professor schlägt Alarm

Köln – Stundenlang warten in der Notfallambulanz. Eine OP muss sein, aber kein Termin ist frei: Die Klage über zu viele Krankenhausbetten leuchtete vielen Bundesbürgern noch nie ein. Jetzt nahmen Kölner Wirtschaftswissenschaftler den Behandlungsalltag unter die Lupe und schlagen Alarm: Wenn eine Klinik tatsächlich zu 100 Prozent ausgelastet ist, wie es Krankenkassen und Klinikchefs anstreben, wird es gefährlich für Patienten!

Schon wenn nur neun von zehn Betten belegt sind, ist das Risiko für gefährliche Schlamperei und Unachtsamkeit erhöht.

Volle Klinik - mehr Todesfälle, so das erschütternde Fazit der Studie: „Wird eine Sicherheitsschwelle von 92,5 Prozent Auslastung überschritten, steigt die Wahrscheinlichkeit im Krankenhaus zu sterben.“

„Ist auch das zehnte Bett belegt, wird es für alle 10 richtig gefährlich“, präzisiert der auf Gesundheitswesen spezialisierte BWL-Professor Ludwig Kuntz (49), selber zehn Jahre im Controlling einer Klinik tätig.

„Bei sehr hohen Auslastungen sind die Personalreserven erschöpft, der Druck lastet unausweichlich auf denen, die da sind, und die können nur auf zwei Arten reagieren: durch bewusstes Unterlassen von Leistungen, z. B. in der Hygiene, und indem ihre Handlungen infolge erhöhter Stresslevel fehlerträchtiger werden.“

Kuntz’ Team hat bundesweit Belegdaten aus 83 Kliniken gesammelt, über 82 000 Fälle analysiert. Von akutem Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, Magen- Darm-Blutungen, Hüftgelenkersatz nach Fraktur bis zu Schlaganfall und Lungenentzündung.

Ergebnis: Nahezu jeder fünfte Patient war mindestens einem kritischen Tag mit über 90-prozentiger Auslastung ausgesetzt, die Sterbequote unter diesen 14 321Menschen erwies sich als überdurchschnittlich hoch.

„Ab 90 Prozent der Kapazität wird es eng, irgendwo hapert es dann bei den Schwestern, den Ärzten“, sagt der Professor. „Eine dauerhaft voll ausgelastete Station hat Probleme mit der Erschöpfung des Personals.“ Dieses Prinzip gelte ganz allgemein, nicht nur für die untersuchten potenziell lebensbedrohlichen Diagnosen.

Ein Grund sei der Personalschlüssel: „Das Personal ist ausgelegt auf neun belegte Betten, kommt mit acht gut klar, zehn sind dann nicht mehr zu packen.“ Ein Ausweg wären flexiblere Arbeitszeitmodelle: „Das Personal, das da ist, wird falsch eingesetzt. Man muss es täglich neu anpassen, gut managen.“ Er ist überzeugt: „Volle Kliniken sind kein Problem, wenn Häuser in der Lage sind, die tägliche Fluktuation zu managen.

Tipps für Patienten

  • Schauen Sie sich um: Wirkt die Klinik sehr voll, das Personal hektisch? Dann seien Sie besonders achtsam. Es geht darum, dass man unglücklicherweise den einen Tag erwischt, wo die Hölle los ist.
  • Nehmen Sie auch in die Notaufnahme immer einen Begleiter mit, der die Situation überblickt.
  • Wer das Gefühl hat: „Wir warten ewig“, sollte keine Nerven zeigen, ruhig nachfragen.
  • Sprechen Sie mit dem Patientenbeauftragten der Klinik, speziell beim Verdacht, dass es sich nicht um einen einmaligen Ausrutscher, sondern ein Strukturproblemhandelt.

 

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