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Nordwest-Zeitung vom 06.11.2020 - Der lange Weg zurück ins Leben

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Quelle:Nordwest-Zeitung - 06.11.2020 - Ellen Kranz

 

Patientin aus Vechta überlebte schwere Sepsis – und leidet unter den zahlreichen Spätfolgen

 

Vechta - Inga Eckert ist dem Tod gleich mehrfach von der Schippe gesprungen, überlebte unter anderem eine schwere Sepsis. Zahlreiche Operationen liegen hinter der 47-jährigen Vechtaerin, die ihr Leben lang mit den Spätfolgen zu kämpfen haben wird. Nun will sie auf ihren Fall aufmerksam machen.

 

Die Erkrankung
Alles beginnt im Jahr 2013. Inga Eckert ist damals gerade 40 Jahre alt geworden, hat groß gefeiert. Eine Woche später beginnen die Halsschmerzen. Da ihre Hausärztin nicht in der Praxis ist, geht die gelernte Bürokauffrau zu einem fremden Arzt. Dieser diagnostiziert eine vereiterte Mandelentzündung, verschreibt ihr Antibiotika. Als die Symptome vier Tage später nicht besser werden, besucht Inga Eckert an einem Donnerstag ihre Hausärztin. Diese stellte die Diagnose Pfeiffersche Drüsenfieber, ändert die Medikamentengabe hin zu Schmerzmitteln und nimmt ihr Blut ab, um die Entzündungswerte zu überprüfen. Die Ärztin habe ihr gesagt, sie solle am Montag wiederkommen, wenn die Symptome nicht besser werden, sagt Inga Eckert. Die Ergebnisse der Blutuntersuchung seien der Praxis am Freitagnachmittag übermittelt worden, hätten einen extrem hohen Entzündungswert angezeigt – doch die Ärztin habe sich nicht mehr gemeldet, sagt sie. Ihr Zustand verschlechterte sich weiter. Am Montag erscheint Inga Eckert wieder in der Praxis. Nun weist die Ärztin sie in die Klinik in Vechta ein.

 

Im Krankenhaus
Im Marienhospital angekommen, wird der Patientin sofort Blut abgenommen, und sie wird auf einer Station aufgenommen. Schnell kommt der Verdacht einer Sepsis auf. „Mir ging es beschissen, ich war total neben der Spur“, erinnert Inga Eckert sich. Schon am Nachmittag folgt die Verlegung auf die Intensivstation. Ein Katheter wird gelegt, und da der Hals immer weiter anschwillt, wollen die Ärzte intubieren. Dabei kollabiert Inga Eckert, fällt ins Koma – und kommt erst Wochen später wieder zu sich.

 

Der Kampf ums Leben
Später erfährt Inga Eckert, dass sie einen Tag nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus in Vechta fünf Stunden notoperiert und per Hubschrauber ins Universitätsklinikum Münster, kurz UKM, verlegt wurde. „Die Ärzte haben wirklich um mein Leben gekämpft.“ Die Diagnose: Sepsis, septischer Schock, ein beginnendes multiples Organversagen mit Wasser in der Lunge sowie eine durch Bakterien ausgelöste, großflächig verlaufende Infektion der Unterhaut und Faszien, bei der das Unterfettgewebe vergammelt und schwarz wird (nekrotisierende Fasziitis). „Ich war eigentlich eher tot als lebendig – an allen vier Krankheiten hätte ich sterben können.“ Am rechten Oberschenkel und im Bauchbereich entnehmen die Ärzte Teile der Haut, um offene Stellen zu bedecken.

 

Das Erwachen
Anfang Dezember 2013 erwacht Inga Eckert aus dem Koma. Sie kann weder sprechen, noch sich bewegen. Erst Anfang März 2014 wird sie aus dem UKM entlassen. „Ich musste mich buchstäblich ins Leben zurückkämpfen, ich war nur noch ein Bündelchen, hatte nichts unter Kontrolle.“ Mittlerweile hat Inga Eckert 26 Operationen hinter sich – davon vier Hauttransplantation. Ein großes Problem ist ihr Hals, genauer die Luftröhre.

 

Das Loch im Hals
Weil sich die Keime während der Sepsis zunächst ungehindert ausbreiten, entfernten die Ärzte zwei Zentimeter der Luftröhre. Immer wieder wird in der Folge und mit unterschiedlichen Ansätzen versucht, das Loch zu schließen. Einen letzten Versuch unternehmen Ärzte in der Fachklinik Hornheide in Münster im Juni 2018. Sie versuchen, die Innen- und Außenseite des Lochs zu vernähen. Doch erneut entzündet sich die Wunde, auf das Antibiotikum reagiert Inga Eckert allergisch. „Ich habe dann mit der HNO-Ärztin meines Vertrauens gesprochen und beschlossen, dass die kleine Öffnung, die jetzt noch da ist, bleibt. Ich habe die Schnauze voll“.

 

Die Spätfolgen
Denn neben den vielen Operationen leidet Inga Eckert unter den Spätfolgen der Sepsis. Sie zählt auf: extreme Höhenangst, Wortfindungsstörungen, Konzentrationsschwächen, ein schwaches Gedächtnis, Flashbacks, Schluckprobleme, Schlafstörungen, Wetterfühligkeit, Angstzustände, Gleichgewichts-probleme, Schreckhaftigkeit und Angst vor Menschenansammlungen. Hinzu kommen ein steifer linker Daumen und eine in der Bewegung eingeschränkte rechte Schulter. Trotz allem: „Ich habe meinen Lebensmut nicht verloren“, sagt Inga Eckert, es klingt fast trotzig. „Natürlich habe auch ich Tage, an denen ich nicht mehr kann – aber was hilft es, den Kopf in den Sand zu stecken?“

 

So geht es weiter: Der Fall kommt nun vor Gericht
Vechta – Inga Eckert aus Vechta hat vor sieben Jahren eine schwere Sepsis überlebt. Ihr Leben lang wird die heute 47-jährige mit den Spätfolgen zu kämpfen haben. Sie wirft ihrer damaligen Ärztin vor, falsch reagiert zu haben. Bereits im Krankenhaus habe sie darüber nachgedacht, gegen ihre damalige Hausärztin vorzugehen, erzählt Inga Eckert. „Ich habe damals in den Spiegel gesehen und gedacht, dass das vermeidbar gewesen wäre. Aber ich wusste auch, dass der Weg steinig wird“, sagt sie. „Das kann man so nicht stehen lassen“, fasst sie einen Entschluss. Die Ärztin habe eine falsche Diagnose gestellt, sagt ihre Anwältin, Sabrina Diehl. Die hohen Entzündungswerte hätten spätestens am Freitag zu einer Einlieferung ins Krankenhaus führen müssen. „Wir werfen der Ärztin vor, dass sie auf die Anzeichen der Entzündung nicht richtig reagiert hat und die zwingend gebotene Behandlung der Ursache verschleppt wurde.“ sagt die Fachanwältin für Medizinrecht und Inga Eckert ergänzt: „Ich würde mir einfach eine Entschuldigung wünschen - da ist bisher nichts gekommen.“

 

Auf Nachfrage unserer Redaktion bei ihrer ehemaligen Ärztin äußerte sich diese zu den Vorwürfen unter Berufung auf das laufende Verfahren mit „kein Kommentar“. An diesem Freitag startet die Gerichtsverhandlung vor dem Landgericht Oldenburg.

 

 


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